Arbeitszeit

    Arbeiten bis zum Umfallen – was tun?

    Arbeiten bis zum Umfallen – was tun?

    Überlastungsanzeige + Vorbehaltserklärung

    Die „alten Zeiten“ sind vorbei. Angeblich leben und arbeiten wir heute in einer modernen „Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft“, in der alle weitgehend flexibel und selbstbestimmt, mit hoher Eigenverantwortung, ohne Bevormundung durch Vorgesetzte, ziel- und erfolgsorientiert, immer den Kunden im Blickfeld, mit flachen Hierarchien, serviceorientiert und stets hoch motiviert arbeiten.

    Die Identifikation mit dem Unternehmen ist hoch, moderne, helle und saubere Büros schaffen eine freundliche Atmosphäre und ein gutes Betriebsklima. Der Krankenstand ist auf einem historischen Tief und alle sind zufrieden.

    Soweit das vorherrschende Bild, das auch in der Finanzdienstleistungsbranche gerne gezeichnet wird.

    Neue Managementmethoden („indirekte Steuerung“) können einerseits zu mehr Selbständigkeit führen, andererseits wird verlangt, dass sich die/der Einzelne quasi wie ein Unternehmer zu verhalten hat. Ihr/sein ganzes Tun ist darauf auszurichten, dass sie/er „profitabel“ ist, alles muss „sich rechnen“ und wie ein „echter“ Unternehmer befindet man/frau sich in Konkurrenz zu den anderen „Unternehmern“ im Betrieb.

    Allerdings sind der „unternehmerischen Freiheit“ i.d.R. enge Grenzen gesetzt. Zielvorgaben von oben sind nicht hinterfragbar, über die Arbeitsmenge und das dafür bereit gestellte Personal entscheidet der „echte“ Unternehmer alleine, genauso über die Renditeziele.

    Die Schattenseiten dieser „modernen“ Arbeitswelt sehen dann oft so aus:

    • Überarbeitung und Erschöpfung bis zum Ausgebranntsein (Burn-Out-Syndrom

    • Psychosomatische Erkrankungen, durch Angst zu versagen und permanent schlechtes Gewissen

    • Hörstürze und Tinnitus-Erkrankungen durch systematische Überarbeitung, Überlastung und Überforderung

    • Mobbing und Ausgrenzungen zwischen Beschäftigten

    Überlastung und Überforderung haben i.d.R. nichts mit individueller Leistungsschwäche oder Unfähigkeit zu tun, sondern sind darauf zurück zu führen, dass die Bank bewusst und ständig zu wenig Personal für die zu erledigenden Aufgaben bereit hält und/oder die Zielvorgaben maßlos übertreibt.

    Dauernde Überlastungs- und Überforderungssituationen führen vermehrt zu Arbeitsfehlern, hohen Arbeitsrückständen und sonstigen „Pflichtverletzungen“ (z.B. Nichteinhalten von Arbeitsanweisungen), die in der Folge immer häufiger durch Abmahnungen sanktioniert werden. Abmahnungen erhöhen den psychischen Druck auf die/den Einzelne/n, steigern die Belastungssituation und sind zudem geeignet, in Zeiten des ungehemmten Personalabbaus, Menschen gegen ihren Willen aus dem Betrieb zu drängen.

    „Überlastungsanzeige“ – was ist das? Wie kann ich mich in einer solchen Situation verhalten?

    faire arbeitempfiehlt, eine sog. „Überlastungsanzeige“ an den Arbeitgeber zu richten. Die Überlastungsanzeige ist ein schriftlicher Hinweis an den Arbeitgeber bezüglich der Arbeitsbedingungen, die eine ordnungsgemäße Erfüllung der Arbeitsleistung gefährden und damit zu Schäden sowohl beim Arbeitgeber als auch Dritten (z.B. Kunden) führen können. Gesetzliche Regelungen zu diesem Instrument fehlen, es hat sich in der betrieblichen Praxis entwickelt. Allgemein sind ArbeitnehmerInnen im Rahmen der sog. Treuepflicht gem. § 242 BGB verpflichtet, die Arbeitsleistung ordnungsgemäß zu erbringen und Schäden des Arbeitgeber bzw. dessen Inanspruchnahme wegen Schäden Dritter möglichst zu verhindern.

    Unterlaufen Arbeitnehmer/innen Fehler wegen Arbeitsüberlastung, so können solche „Pflichtverletzungen“ Schäden beim Arbeitgeber oder auch bei Dritten, z.B. Kunden des Arbeitgebers auslösen. Die Arbeitnehmer/innen sind in derartigen Fällen ggf. schadenersatzpflichtig.

    Zwar sind diese Fälle nach den allgemeinen Grundsätzen der „Arbeitnehmerhaftung“ zu beurteilen (Stichwort „Fahrlässigkeit“), doch zeigt die Praxis oft, dass dies komplizierte und mit Risiken verbundene Rechtsstreitigkeiten sind. Besser ist es, vorher zu handeln.

    Die Überlastungsanzeige ist natürlich kein Freibrief

    Sie ist ein Nachweis, dass dem Arbeitgeber unhaltbare Zustände (z.B. dauernder Personalmangel) bekannt sind und die Verantwortung für z.B. Arbeitsrückstände und sich daraus ergebende Folgeprobleme, die zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen oder Schadenersatzansprüchen des Arbeitgebers führen können, von den Beschäftigten nicht übernommen wird.

    Eine Überlastungsanzeige sollte i.d.R. an die/den unmittelbare/n Vorgesetzte/n erfolgen und eine Schilderung der Situation am Arbeitsplatz enthalten. Dem ist ein Hinweis anzufügen, dass die Verantwortung für Arbeitsfehler oder „Pflichtverletzungen“, die auf Arbeitsüberlastung beruhen, abgelehnt wird. Außerdem sollten etwaige arbeitsrechtliche Konsequenzen wie z.B. eine Abmahnung, vorsorglich zurückgewiesen werden.

    faire arbeit empfiehlt

    Überlastungsanzeigen vermehrt einzusetzen. Einmal, um sich persönlich abzusichern aber auch als gemeinschaftliche „Aktion“ mehrerer oder aller Beschäftigter, um unzumutbare Arbeitsbedingungen öffentlich zu machen und gemeinschaftliches Handeln zu demonstrieren.

    Weiterfürende Quellen:

    Was muss ich bei einer Überlastungsanzeige inhaltlich beachten? (Beispiel aus dem Bankenbereich)

    Workshop:„Eckpunkte einer Betriebs- bzw. Dienstvereinbarung"